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Eine Geschichte Zur Vorweihnachtszeit

Eine Geschichte zur Vorweihnachtszeit

Zu Vorweihnachten, zu Weihnachten findet sich in den Buch „Aus Liebe zum Leben“ von Rachel Naomi Remen folgende Geschichte:

Das Geschenk

„Als ich noch klein war, nahmen mein Vater und ich an jedem Heiligabend die U-Bahn nach Downtown Manhattan, wo wir Geschenke für meine Mutter, meine Tante, meine Freude, meine Lehrerin und andere wichtige Menschen in meinem Leben einkauften…

Wir begannen immer am Rockefeller Square, betrachteten staunend den riesigen, wunderbar geschmückten Weihnachtsbaum und diskutierten darüber, ob der Baumschmuck in diesem Jahr schöner war als im letzten. Natürlich war er es jedesmal. Wir sahen den Schlittschuhläufern eine Zeitlang zu. Dann gingen wir in die Fifth Avenue hinab, machten in jedem Laden Halt und dachten an die Menschen, die ich liebte, einen nach dem anderen und schauten uns dann sehr viele Dinge an, bis ich für jeden von ihnen genau das Richtige gefunden hatte. Irgendwann im Laufe des Abends gab mir mein Vater dann seine große goldene Taschenuhr und sagte mir, wenn die läutete, dann solle ich mich an genau dieser Stelle wieder einfinden. Dann ging ich allein los in das Geschäft, vor dem wir standen, um ein Geschenk für ihn zu finden. Und während ich unterwegs war, machte mein Vater seine eigenen Einkäufe.

Ich durfte lange aufbleiben, viel länger als an jedem gewöhnlichen Tag , und es war oft kurz vor Mitternacht, wenn wir nach Hause kamen, die Arme voller Päckchen, die alle in den Geschäften mit Geschenkpapier eingewickelt worden waren. Meine Mutter wartete immer mit einem heißen Kakao auf uns, und dann zeigten wir ihr die wunderschönen Päckchen und erzählten ihr von den herrlichen Dingen, die wir für jedermann gefunden hatten –  außer natürlich von dem Geschenk, das wir für sie gefunden hatten.

Das war eine Gelegenheit, an alle Menschen zu denken, die ich liebte – wer sie waren und worüber sie sich freuen könnten. Ich erinnerne mich noch an das unbeschreibliche Gefühl, die einzelnen Geschenke zu finden und die freudigen Erregung des Erkennens, wenn klar war, dass ein Geschenk genau das Richtige für einen bestimmten Menschen war. Es war auch eine riesigen Freude, das Geschenkpapier und die Bänder auszusuchen und dann zuzusehen, wie jedes Geschenk für jedes der einzigartigen Individuen ganz speziell verpackt wurde. Ich liebte es Geschenke auszusuchen; es machte mich sehr glücklich.

Wenn ich zurückdenke, dann wird mir klar, dass ich tatsächlich beim Auspacken der meisten Geschenke nicht dabei war. Sie wurden mit der Post verschickt oder unter den Weihnachtsbaume anderer Familien gelegt. Aber das spielte irgendwie keine Rolle. Der wichtige Moment war nicht das Aufmachen oder der Dank. Was tatsächlich wichtig war, war der Segen, jemanden zu haben, den man liebte.“

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