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Dem Leben Dienen

Dem Leben dienen

Zur Verabschiedung des alten Jahres 2018 und zum Jahreswechsel und zur Begrüßung des neuen Jahres 2019 erscheint diese überaus freundliche und tiefe Geschichte „Einatmen und Ausatmen“ von Rachel Naomi Remen, entnommen aus ihrem Buch „Aus Liebe zum Leben“, lesens- und nachsinnenswert:

„Ich beginne und beschließe jeden Tag mit einem uralten Ritual, das mir eine freundliche alte Frau, eine tibetische Nonne, beigebracht hat. Das erste, was ich jeden Morgen tue, nachdem ich aufgewacht bin, ist, eine kleine leere Schale zu nehmen, die ich diesem Zweck vorbehalten habe, und sie langsam aus einer Quelle fließenden Wassers zu füllen. Zweiflelos hatten die Schöpfer dieses Rituals dabei an einen klaren Bach im Gebirge gedacht. Ich benutze den Wasserhahn in meiner Küche; ich drehe ihn auf und lasse ihn ein Weilchen laufen, bevor ich meine kleine Schale in den Strahl halte, um sie bis zum Rand zu füllen.

Während die Schale sich füllt, denkt man über die Umstände des eigenen Lebens nach, worum es sich dabei auch gerade handelt. Die Menschen, mit denen man sein Zeit verbringt, der eigene Gesundheitszustand, die Probleme, die man zur Zeit hat, die Fähigkeiten und Stärken, die man hat, die Enttäuschungen und Erfolge, Ängste, persönliche Begabungen, die eigenen Grenzen, unser Zuhause, unseren Besitz, unsere Verluste oder unsere Biographie. Während sich die Schale füllt, nehmen wir unser Leben offenherzig und bedingunslos als unser Los an. Ganz langsam, so daß man keinen Tropfen aus der randvollen Schale verschüttet, nimmt man sie an einem besonderen Platz in seinem Heim mit, vielleicht zu einem persönlichen Altar, und stellt sie dort ab. Dabei widmet man alles, was sie enthält, dem Dienst am Leben. Man läßt die Schale dort stehen und beginnt sein Tagwerk.

Für mich hat sich diese Praxis als zutiefst heilend erwiesen. Der Gedanken, das ich alles, was mir widerfährt, gleichermaßen dazu benutzen kann, mich mit dem Leben anzufreunden, scheint den Dingen die harten Kanten zu nehmen und die Grenzen zwischen den eigenen Nöten und Freuden, Verwundungen und Stärken verschwimmen zu lassen. Sie alle sind vielleicht gleich gut dazu geeignet, dem Leben zu dienen. Es mag sein, dass durch eine solche Widmung alle Dinge schließlich ihren echten Wert und ihren wahren Sinn offenbaren.

Das letzte, was man jeden Abend tut, bevor man schlafen geht, ist, die Schale nach draußen zu bringen und das Wasser auf die Erde auszugießen. Dann verwahrt man die Schale mit der Öffnung nach unten an einem besonderen Ort in seinem Heim, löscht das Licht und ruht. Dieser Zyklus, in dem wir die Dinge, die uns gegeben werden, offenherzig anzunehmen, sie alle dazu benutzen, dem Leben um uns herum zu dienen, und sie dann wieder völlig loszulassen, verdeutlicht uns nicht nur, wie man eine weises Leben lebt, sondern auch, wie wir jeden Tag leben sollten.“

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